01.07.2020

Rüdigers Absturz

Es war ein durchaus schöner Tag im August letzten Jahres. Ein Tag mit Arbeit, ein Tag mit Sonne und allem, was man braucht, um glücklich zu sein. Besser gesagt: um sich glücklich zu fühlen. Denn das, was uns als Glück erscheint, kann schnell durch unvorhergesehene Ereignisse zu einem großen Unglück werden. Jemand fühlte sich glücklich.

Aber es passierte etwas. Ich sage “etwas”, um nicht gleich zu verraten, worum es sich genau handelt. Das steigert die Spannung. Gewiefte Leser werden sich allerdings schon beim Lesen der Überschrift so einiges durch den Kopf gehen lassen haben.

Wenn ich nun mit der kleinen Geschichte beginne, muss ich an der Stelle anfangen, an der sich die kommenden Ereignisse am klarsten vorhersehen ließen. Der Reiz einer Geschichte kann ja auch darin liegen, dass man sich in seinen ersten Vermutungen überraschender Weise bestätigt fühlt.

Nicht, das ich mir anmaße Gedanken lesen zu können, es ist bloß, dass ich nichts von bösen Überraschungen halte, und so wünsche ich auch keinem Leser eine solche. Viel mehr soll jeder von jetzt ab genau wissen was passieren wird.

Jemand stürzt vom Fahrrad.

Weil er zu viel Wein getrunken hat.

Das war es auch schon was ich sagen wollte. Die Frage ist jetzt, ob ich ihre Neugierde nun befriedigt habe? Der eine oder andere mag jetzt raunen, und sich über die Tragik des menschlichen Lebens äußern, des weiteren aber mit einem leichten Schulterzucken dieses Schicksal schnell zu den Akten legen, als eines der unzähligen, die heutzutage auf uns eindringen. Fahrradunfälle passieren – da kann man nichts dagegen machen. Vielleicht kommt aber jemandem der Gedanke zu fragen, warum nun Rüdiger Fahrrad gefahren ist, wo er doch sicher weiß, wie schnell der Alkohol seinen Tribut zu fordern pflegt.

Nein, Rüdiger wusste es nicht!

Er wusste nicht welcher Gefahr er sich ausliefern würde, er missachtete sogar vorsätzlich eine vorsichtige Warnung seines besten Freundes:

”Komm gut nach Hause, Rüdiger.”

Nein er wollte oder konnte nicht beherzigen, was sein Freund ihm sagte. Und so handelte er auch. Unvorsichtig, unflexibel und eben überhaupt kein bisschen gut.

Versetzen wir uns nun in Rüdigers Kopf, kurz vor dem Fall, während er noch mit atemberaubender Geschwindigkeit durch die Abendluft düste:

Da ist ja die Kreuzung! - Hach wie schön das Wetter ist! - Da ein Auto! - Moment mal - … - Wieso eigentlich ein Auto? - Das steht doch sonst nicht da! - So, hier fahr ich sonst immer auf den Bürgersteig! - Aber das Auto! - Zu spät, jetzt bin ich oben! - Huch, jetzt muss ich aber schnell… - Ja was? - Bremsen? - Ach nee! - Lieber lenken! - Nach rechts! - Ja, ja nach rechts jetzt! - Aber das Hinterrad… - Wieso kommt denn das Hinterrad nicht nach?

Dies bloß um kurz einen Einblick in Rüdigers Denkvermögen zu geben. Wie wir sehen ist es leicht eingeschränkt, vielleicht nicht die Klarheit seiner Gedankan betreffend, aber die Geschwindigkeit der Gedankenverarbeitung. Das sollte man nun nicht vorschnell auf seine Intelligenz zurückführen. Ich möchte nochmals daran erinnern, dass Rüdiger ja Wein getrunken hatte, ohne dabei den moralischen Zeigefinger zu heben.

Anscheinend jedenfalls ist Rüdigers Hinterrad von der Bordsteinkante gerutscht, oder erst überhaupt nicht mit hinauf gelangt. Rüdiger befindet sich in einer unhaltbaren Situation, die aufzulösen er sich momentan noch befähigt fühlt. Aber wir wissen ja inzwischen, dass er fallen wird. Schauen wir, wie es ihm geht.

Ne jetzt rutsch ich weg - gleich fall ich!

Er scheint gemerkt zu haben, dass er den Rat seines Freundes doch hätte befolgen sollen. „Komm gut nach Hause!“ Doch das hilft ihm jetzt auch nicht mehr weiter. Es klang schon fast wie Hohn in seinen Ohren.

In diesem Moment sieht Rüdiger, dass direkt vor ihm ein Blumentopf auftaucht. Dieser taucht nicht nur auf und ist da, sondern er wird immer größer. In Rüdigers Fantasie, zu der er immer und besonders jetzt aufgelegt ist, wächst der Blumentopf zu einem unglaublich großem, furchteinflößenden Monster heran. Mit zwei hell funkelnden gelben Augen.

Das Fahrrad rollt schon bedenklich schief als Rüdiger feststellt, dass dieser Blumentopf ein Steinkübel von immensen Ausmaßen ist. Ihm scheint, als hätte er mindestens einen Durchmesser von anderthalb Metern. Die gelben Augen des Monsters, das hat Rüdiger inzwischen herausgefunden, sind nur zwei besonders hervorstehende Kieselsteine, mit denen der Kübel über und über besetzt ist.

Inzwischen hat Rüdiger beschlossen, das Fahrrad Fahrrad sein zu lassen, insbesondere das störrische Hinterrad. Er lässt es einfach auf der Bordsteinkante weiter rollen, während er, auch ein wenig durch die Fliehkraft dazu gezwungen, allein, also abseits des Fahrrads, sein Glück sucht. Der Weg gestaltet sich wegen der zuvor hohen Eigengeschwindigkeit des Fahrrades als rasches Rauschen durch die lauschige Abendluft. Die Blumen in dem Kübel, es waren Geranien, strömten einen unbeschreiblich anziehenden Duft aus und da Rüdiger sowieso auf dem Weg dorthin war, ließ er es sich angelegen sein, noch einmal tief einzuatmen, denn er befürchtete schon, so weit dachte er inzwischen doch, dies könne das letzte mal sein, dass er mit einer intakten Nase, solch schönen Duft in die Lungen saugen könne.

Dann widmete er seine Aufmerksamkeit wieder den gelben Steinen am Kübel, die inzwischen nahezu hautnah an ihn hernagerückt waren. Von Weitem hörte er noch sein Fahrrad über die Asphaltstraße scheppern, bevor es schließlich an den Beinen einer alten Dame verstummte.

Tja und Rüdiger wurde ganz gegen seine Gewohnheit einmal kurz und heftig laut.

Autsch – verdammt!

Durch die von Nachtigallgesängen erfüllte Abendluft konnte man etwas später, wenn man ganz genau hinhörte, einen Menschen hinken hören. Und, wer noch bessere Ohren hatte, hörte sogar noch ein leises, kaum wahrnehmbares Fluchen.

FobbE - 20:57:35 @ Erzählungen | Kommentar hinzufügen