01.07.2020

In den Bergen

Vielleicht, dass wir verschollen waren. Vielleicht bin ich tatsächlich vom rechten Weg abgekommen. Aber sollte das alles auch stimmen, so wurden wir doch von den herrlichsten Ausblicken über die Alpentäler davon entlohnt. Nur wir zwei, du und ich, waren jetzt noch allein in den Bergen. Die anderen, die mich durch ihre Gespräche und Kindereien genervt hatten, waren verschwunden. Ich habe nicht bemerkt, wann sie uns verlassen haben, vielleicht wollten sie uns nur einen Streich spielen, uns ein wenig in Angst versetzen? Wie dem auch sei, es ist ihnen nicht gelungen. Wir konnten nichts anderes tun als zu genießen.
Eher als wir die Angst spürten überkam uns noch ein Mut, bis zum Montblanc hinauf zu steigen. Mir war, als ob wir, erst einmal auf dem Rücken der Berge angekommen, unzählige Kilometer mit einem Sprung von Gipfel zu Gipfel unter unseren Sohlen vorbeirauschen lassen könnten. Unsere Lungen sogen die frische Luft, die bei jedem Riesenschritt an uns vorbeiströmte, begierig auf. Und wir wurden zunehmend fröhlicher. Auch verstärkte oft ein leiser gegenseitiger Blick in unsere lachenden Augen den Wunsch die ganzen Alpen mit einem Mal überschauen zu können.
Wir flogen nur so durch die Alpenwelt, rasteten nur einmal an einer steilen Bergwand. Wir ließen uns nieder und gönnten uns, was wir in unseren Rucksäcken für den Ausflug mitgebracht hatten. Da saßen wir nebeneinander und der Tag wollte, durfte nicht enden. Er endete aber dennoch. Wir hatten nur einige Meter nach der Pause zurückgelegt und meinten schon in der Ferne den Montblanc zu sehen, als sich der Himmel plötzlich zuzog. Es begann in der nächsten Sekunde zu schneien. Doch auch dies nahmen wir mit einem abenteuerlichen Geist auf; stiegen, soweit es uns bei der schlechten Sicht gelang, noch ein paar Meter höher und fanden dort schon genug Schnee vor, um uns einen Iglu zu bauen, der uns während der Nacht beschützen sollte.
Das Werk war schnell getan. Wir benötigten nicht viel Platz, da wir uns so eng nebeneinander legten, dass wir uns gegenseitig Wärme geben konnten und nicht nur das. Ich hatte schon immer davon geträumt hoch oben in den Bergen auf der allerhöchsten Spitze, zu lieben. Doch schliefst du bald neben mir ein und nie hätte ich gewagt dich aufzuwecken.
Die Nacht über allerdings quälte mich plötzlich die Angst, wir müssten hier bleiben. Schneemassen über Schneemassen würden noch auf uns herabsinken und uns begraben unter unserem gemütlichen Häuschen. Wir hätten am nächsten Morgen nicht die Kraft, all das beiseite zu räumen, was uns bedeckt. So schlief ich kaum.
Am Morgen wecktest du mich mit einem Kuss. Wir krochen aus der Decke hervor und begannen den Eingang frei zu räumen. Und siehe da, der Schnee war geschmolzen, ebenso, wie die Berge. Eine weite Ebene aus schwarzem Asphalt breitete sich vor unseren verschlafenen Augen aus. Außer dem Schneerest unseres Iglus, der auch schnell dahinschmolz, war von dem gestrigen Wetter nichts mehr zu sehen.
Wir packten zusammen und spürten, dass wir nun von unseren Höhenflügen zurückkehren mussten.
Als ich aufwachte wusste ich nicht mehr, wer du warst. Ich fand mich in meinem Bett allein, doch glücklich einen solchen Traum gehabt zu haben. So schlich ich hinaus auf den Flur, wo sich schon einige Freunde zum Frühstück eingefunden hatten. Noch halb verschlafen setzte ich mich dazu und erzählte von meinem Traum, besonders von dem plötzlichen Verschwinden des Schnees, was ein heftiges Gelächter auslöste, dass ich nicht verstand.
Vermutlich durch dieses Lachen aufgeschreckt, öffnete sich plötzlich eine Tür und ein blonder Mädchenkopf schob sich zwischen die Türrahmen. Sie suchte jemanden, schien mir. Doch ihre Augen blieben an mir haften. Während die anderen sie kaum bemerkten, weil sie sich die Kuriositäten meiner Erzählung zu erklären versuchten, kam sie auf mich zu, beugte sich nieder, küsste mich an genau die Stelle, von der ich noch eine Erinnerung aus der Nacht hatte, und sagte mir ins Ohr, es sei eine wunderbare Nacht gewesen, noch nie habe sie einen so glücklichen Traum geträumt.

FobbE - 21:29:01 @ Träume | Kommentar hinzufügen

Kommentar hinzufügen

Die Felder Name und Kommentar sind Pflichtfelder.