09.07.2020

Dann fehlten die Worte

Es war nach außen ein munter aussehender Zug. Ein Zug bestehend aus kostümierten Menschen. Kein Karnevalszug, eher etwas erhabenes, feierliches. Es wehten Fahnen und stark schritten wir einen Gang entlang. Es wurde nicht geredet. Vielmehr umgab uns in Erwartung einer großen Rede ein heiteres Schweigen. Wir schwiegen oft. Bis zu diesem Tag.

Der Weg führte uns durch eine Prachtallee in der Nähe des Einkaufzentrums, doch wir alle widerstanden den verlockenden materiellen Angeboten, die uns auf großformatigen Werbetafeln und mit sahnigem Lächeln angeboten wurden.
Unsere Füße trugen uns vorbei, ein größeres Ziel vor Augen. Und diejenigen, deren Füße nicht mehr trugen, verließen sich auf die Kraft der anderen. So trug ich einen Bruder. Er war schwer in meinen Armen, doch ich erfüllte meine Pflicht ohne ein Wort. Ich genoss die große Nähe.
Es hieß ja, wir seien eine Familie.
Dann gelangten wir hinaus, auf das freie Feld. Ein sanfter Hügel legte sich als Weg vor unsere Füße. Nur diese kurze Strecke noch und wir wären am Ziel. Der leichte Anstieg verflog wie eine leichte Erinnerung. Schon waren wir oben und ließen uns nieder. Gruppen, Familien saßen beieinander, einige standen abseits. Nun packte uns die Spannung. Wir saßen und staunten nach vorne, wo ein Rednerpult errichtet wurde.
Mit Würde schritt Pax C. dem Pult zu. Er breitete seinen Mantel aus und zog einen Stapel vergilbten Papiers hervor. Dieses legte er auf das Pult, blickte noch einmal über die erste Seite, die er in Anbetracht des Anlasses kunstvoll gestaltet hatte: Ränder waren vergoldet, um dem Papier eine altertümlich anmutende Weihe zu verleihen.
Er begann zu reden. Es gab eine Einleitung, in der wir alle auf das herzlichste begrüßt wurden, in der aufgezählt wurde, dass wenige Freunde aus schweren Gründen heute nicht anwesend sein konnten. Wir nickten und gedachten und legten uns zurück, um den eigentlichen Teil der Rede in angemessener Andacht über uns fließen zu lassen.
Pax C. hob an – und brach ab. Seine Fingerspitzen lagen am Rand der ersten Seite. Er war im Begriffe umzublättern. Er blieb jedoch in dieser Haltung. Nichts geschah. Lediglich gute Beobachter konnten sehen, wie sich Pax C.´s Stirn mit Schweißtropfen füllte. Kein Wort mehr kam über seine Lippen und sein Gesicht zeigte Hoffnungslosigkeit.
Einige standen gediegen auf, schritten zu ihm und kamen hoffnungslos zurück. Nichts konnte helfen, und schon begann ein leises Murmeln unsere Andacht zu zerstören. Rings um uns machte sich Enttäuschung breit. Selbst der Vater, mein toleranter Vater, hatte Kummer im Blick.
Es half nichts und nichts konnte uns helfen.
Der Schluss war Musik, laut geblasene, verworrene Musik, die das, was nun um uns passierte, immer weiter zerfaserte.
Es war schlimm, zu sehen, wie eine Schar von anständigen, naiven Menschen im Chaos versank. Im Chaos der eigenen Gedanken, wo keiner mehr zu ihnen sprach. Im Chaos ihrer Geisteshaltung, wo kein Gott mehr führte. Im Chaos eines jeden kleinen Ichs.

Selbst aus heutiger Perspektive treten mir noch manchmal Tränen in die Augen, wenn ich mir sagen muss, dass all die, die an jenem Tag dabei waren, dort das Ende ihrer Hoffnungen erleben mussten. Niemandem hatte ich das gegönnt.

Doch alle begannen danach, ihr eigenes Leben zu leben. Nur Pax C. zog sich in die Einsamkeit zurück und wurde zu dem Mythos, der er eigentlich schon immer gewesen war.

FobbE - 20:53:08 @ Erzählungen