Humanistisches

Was Gutes

Auf dem Bildschirm sind die neusten Nachrichten zerplatzt.

Meine Daten hat ein Server in der Mongolei geknackt.

Die fetten Lettern in der Zeitung haben sich schlafen gelegt

Ein Astronaut hat ganz behutsam Satelliten ausgefegt.

Alle Speicher sind leer, doch die ganze Welt ist voll,

unsre wahren Schätze sind schon seit Atlantis verschollen.

Wir spürn die Leere in der Fülle, jetzt erfüllen wir den Plan,

denn die Frage lautet: hast du heut was Gutes getan?

Zieht wer `ne Lehre aus der Fülle, ich will ein Stoppschild auf der Bahn,

denn erst wenn wir ganz ruhig sind, haben wir  Gutes getan.

In der Bank haben Geldnoten ein Liedchen aufgelegt.

In den Tresoren hat wer Münzen zum letzten Tanz bewegt.

Der Spieler hat sein Blatt aus nem Holunderstrauch gemischt.

Händler haben ihre Zinsen aus den Kassen rausgewischt.

In den Laboren sind Essenzen in die Hirne geflossen.

Auf den Tafeln in den Schulen plötzlich Blumen entsprossen.

Wir haben gern geglaubte Phrasen auf dem Schleichweg überfahrn.

Da wir dir Richtung ändern, haben wir  Gutes getan.

Die Regale sind voll, doch die Lösungen bisher hohl.

Wir pflegten leidende Körper, doch wir fühlten uns nicht wohl.

Das war die Leere in der Fülle, jetzt erfüllen wir den Plan.

Denn meine Frage lautet, was hast du heut Gutes getan?

Wir haben ewig neue Formeln auf die alten gelegt

Die Erleuchtung ist gewachsen, unser Wissen stets gepflegt

Alle Bücher sind zerlesen, wir ham uns Sprechblasen geschickt

Und jetzt haben wir verstanden, zu viel bedeutet ungeschickt.

Zieht wer `ne Lehre aus der Fülle, ich will ein Stoppschild auf der Bahn,

denn erst wenn wir ganz ruhig sind, haben wir Gutes getan.


Das Wesen

   Wir fallen vor dem Chef und manchmal auch vor Gott.

  So wie wir jetzt sind, buckeln wir im Alltagstrott.

  Doch ich kann es gut abschätzen, bis zum rettenden Ast

genügt ein fester Griff und die alte Sprungkraft.

Wir hecheln in den Städten mit Masken ins Loft.

So wie wir jetzt sind, glimmt die Flamme schon am letzten Docht.

Doch ich kann es fast schon spüren, in der Enge der Nacht

genügt ein kleiner Funken Luft, der die Lungen entfacht.

Wir hocken vor dem Bildschirm und manchmal auch an der Bar

So wie wir jetzt sind, sitzen wir im Nebel, nichts ist klar.

Doch in mir zuckt ein Blitz, dass es mich raus zieht mit Macht,

genügt ein Blutstrom in den Beinen, in den Füßen ist Kraft.

Wir tippen Wörter in den Äther, doch das Echo bleibt weg.

So wie wir jetzt sprechen, führn wir Monologe aus Dreck.

Doch unsere Sprache ist wie Schall. Damit die Zunge erwacht

genügt ein Lagerfeuer, Freunde und `ne sternklare Nacht.

Wir sind Baumwesen und zum Klettern gemacht!

Wir sind Waldwesen und zum Atmen gedacht!

Wir sind Steppenwesen, sind zum Laufen gemacht!

Wir sind Höhlenwesen, zum Erzählen gedacht!

Wenn du denkst, das ist schon alles, hast du nicht daran gedacht

Wenn du läufst, wenn du springst, wenn du redest, wenn du lachst

hast du doch in deinem Leben alles richtig gemacht.

Denn ein Wesen so wie du, ist für draußen gemacht!

"Wir sind nur Gast auf Erden und wandern ohne Ruh
mit mancherlei Beschwerden der ewigen Heimat zu.

Die Wege sind verlassen, und oft sind wir allein.
In diesen grauen Gassen will niemand bei uns sein.

Gar manche Wege führen aus dieser Welt hinaus.
O dass wir nicht verlieren den Weg zum Vaterhaus!" (G. Thurmaier, 1935)


Das Scheusal

Ein Scheusal bläst Trübsal!

Im Rinnsal spielt sein Schicksal!

Die Krone der Schöpfung wurd aus Lehm gebaut

Und unter Kronen ruhte stets ein Monarchenhaupt

Wer ist der König, dessen Krone der Mensch sein soll?

Und was ist wichtiger, die Krone oder der sie tragen soll?

Dann ist die Schöpfung wohl in Wahrheit eine Majestät.

Sie ist die Welt, die sich unter uns stets weiterdreht.

Das Ende der Evolution heißt Demokratie,

Sie schwamm träge im Fahrwasser der Ökonomie.

Ein Scheusal im Rinnsal

Bläst Trübsal. So viel Mühsal!

Was sich entwickelt, muss zuvor ja stets verworren sein.

Die Entwicklung geht zwar weiter, und ein Ziel muss sein.

Wir wickeln dies ab, jenes ab, wir machen alles klar

Doch wir verstricken uns im Leben, die Moral wird rar.

Sitzen Falsch und Richtig wirklich noch in unserem Haupt

Oder hat der Machtinstinkt den Weg zum guten Ziel verbaut?

Eine Krone ist zwar hübsch, doch nur ein Machtsymbol

Und unter ihr das Wesen trägt den Kopf ganz hoch und hohl.

Wenig Habsal, ganz viel Redsal!

Alles Flicksal, aus altem Sisal!

Er ist ein Scheusal, das den Bruder mit nem Stein erschlägt,

Und nur ein Rinnsal, das von Frieden spricht und nichts bewegt,

Da bläst er Trübsal, weil das Ideal sich wieder verschiebt,

Nach soviel Mühsal, sieht er sich, wie er erschöpft da liegt.

Ein Schlag vom Schicksal wirft ihn stets zurück auf‘s kleine Ich.

Und aus dem Wirrsal kommt er nur heraus gelegentlich.

Zwänge und Drangsal zeigen ihm, was alles nicht geht,

Sodass als Labsal ihm die Krone sicher gar nicht steht.


Felix und Felicitas

Felix hat zwei Füße

und die trugen ihn einst weit,

Felicitas hat Hände

und die sind noch immer weich.

Felix ist ein Mensch,

Felicitas ist seine Frau,

Sie kennen sich schon lang

und sie kennen sich genau.

Die Finger und die Zehen

sind noch immer wo sie sollen,

Doch das Nähzeug taugt nichts mehr

und ebenso die Fußballstollen.

Zwei Herzen schlagen links

und zwei Gedanken sind sich recht,

Sie leben so nah bei einander

und die Liebe ist noch echt.

Sie sehen wie zwei Menschen aus,

Sie haben Falten im Gesicht,

Das Leben spinnt die Fäden aus,

Doch ein Ende wolln sie nicht.

Hier sind Menschen wie ich und du,

Die Lungen voller Luft,

Stehn wir auf, gehen wir zur Ruh,

Wenn uns die Welt noch ruft.

Felix sitzt im Garten,

Und Felicitas schaut zu.

Die Schwalben kommen wieder,

Komme ich, dann kommst auch du.

Felix ist ein Mann

und das Glück ist noch mit ihm

Und wenn sie schläft in seinem Arm,

Hält er sie warm und sie hält ihn.

Das Blut strömt durch die Adern,

Die Gedanken hängen fest.

In alten Zeiten lebten Sie

so glücklich wie noch jetzt.


Ex Uterus

Ich bin ein Wesen

Ex Uterus und da

Ich bin ein Wesen

Generation 10k

Ich wollte mich grad wundern

doch oh Wunder ich bin da

Ich bin ein Wesen

Doch recht sonderbar

Guck meine Daumen

Stehen quer von meiner Hand

Und meine Augen

Sitzen eng vor dem Verstand

Mein Opa jagte

Mit nem Speer in seiner Hand

Und Oma hockte

Auf‘m Baum ohne Verstand

Ich bin ein Wesen

Weiß Gott von wo gesandt

Aber ich schwappte

Mit einer Wehe auf das Land

Vorbei am Schambein

Um sogleich nach Luft zu schrein

Ich sog am Busen

Emotionen in mich ein

Und Onkel Locke

Brachte mich um den Verstand

Ich bin ein Wesen

Hab Kontinente überrannt   

"Da kam ein Schiff, geladen
bis an sein’ höchsten Bord,
trägt einen Sohn voll Gnaden,
des Vaters ewigs Wort.
Das Schiff geht still im Triebe,
es trägt ein teure Last;
das Segel ist die Liebe,
und der Verstand der Mast.
Der Anker haft’ auf Erden,
da ist das Schiff am Land.
Das Wort will Fleisch uns werden,
der Sohn ist uns gesandt.
Und wer dies Kind mit Freuden
umfangen, küssen will,
muss vorher mit ihm leiden
groß Pein und Marter viel,
danach mit ihm auch sterben
und geistlich auferstehn,
das ewig Leben erben,
wie an ihm ist geschehn." (evt. Johannes Tauler, um 1450)